Den Schlüssel zu den Menschen finden

Ein verlorener Autoschlüssel stand am Anfang von 24 Jahren Seelsorge in Gipf-Oberfrick. Als Martin Linzmeier im Jahr 2002 zu seiner Vorstellungspredigt aufbrechen wollte, suchte er verzweifelt danach. Die Sorge, gleich beim ersten Auftritt zu spät zu kommen, wurde immer grösser. Der Schlüssel fand sich – und Linzmeier kam rechtzeitig an. Bei seiner Verabschiedung am vergangenen Sonntag erinnerte er sich in der voll besetzten katholischen Kirche an diese Episode. Aus dem Autoschlüssel wurde dabei ein Bild für das, was ihm während seiner langen Tätigkeit als Gemeindeleiter wichtig geworden ist: den Schlüssel zu finden, der Räume öffnet, Herzen erreicht und Zugänge zu Menschen schafft.

Seit 2002 war Martin Linzmeier Gemeindeleiter der Pfarrei St. Wendelin Gipf-Oberfrick, seit 2018 trug er zudem Verantwortung in der gemeinsamen Leitung von Frick und Gipf-Oberfrick. Der Gottesdienst am 16. August stand deshalb ganz im Zeichen des Dankes und Abschieds, zugleich aber auch des Neubeginns.

 

Offene Türen und offene Herzen

Schon zu Beginn zeigte sich Linzmeier berührt von den vielen bekannten Gesichtern und Weggefährten aus 24 Jahren. Er wolle Danke sagen, betonte er: den Menschen, die mit ihm unterwegs gewesen seien und die Pfarreien mitgestaltet hätten, aber auch Gott für Kraft, Energie und Mut und dafür, dass sich immer wieder neue Türen geöffnet hätten.

Diesen Gedanken nahm er in seiner Predigt wieder auf. Worte, Gesten und Musik könnten Schlüssel sein, die Menschen öffnen. Mit zunehmendem Alter sei ihm aber immer deutlicher geworden, dass letztlich nicht er selbst Türen und Herzen öffne. Es sei Gottes Geistkraft, die wirke. Er könne lediglich Raum dafür schaffen.

Rückblickend habe er in Gipf-Oberfrick, Frick und Oeschgen viele offene Türen und Menschen gefunden, die sich mit Herzblut engagierten und Verantwortung übernahmen. Ihnen galt sein besonderer Dank.

Ausgehend von den biblischen Texten beschrieb Linzmeier zugleich, was Seelsorge für ihn während dieser Jahre bedeutete: Menschen entgegen dem gesellschaftlichen Leistungsdruck zuzusagen, dass sie gewollt und geliebt sind; Trauernde beim Abschied und auf dem Weg zurück ins Leben zu begleiten; Jugendlichen beizustehen, die sich dem Leistungsdruck nicht gewachsen fühlen; und Orte zu schaffen, an denen Menschen angenommen werden.

Die Pfarreien sollten nach seinem Verständnis auch „Sammelplätze für die Verwundeten unserer Zeit“ sein – Orte der Begegnung gegen Einsamkeit und Orte des Angenommenseins, gerade auch für Fremde und Flüchtlinge. Mit Stolz blickte er darauf zurück, zur Entstehung des kirchlich-regionalen Sozialdienstes im Fricktal beigetragen zu haben.

Kirche verstand Linzmeier dabei als einen Ort für gemeinsame Trauer und Freude, für Suchende, für Menschen, die einkehren, bleiben oder wieder weitergehen, und für Gespräche über die Fragen der Zeit und nach dem Sinn des Lebens. Sein Wunsch zum Abschied war klar: Dieses Werk soll weitergehen.

 

Spuren nach 24 Jahren

Wie viele Spuren in diesen Jahren entstanden sind, zeigten die persönlichen Fürbitten. Erinnert wurde an zahlreiche Aktivitäten des Pfarreilebens, an Palmenbinden und viele Liter Fasnachtssuppe ebenso wie an die Begleitung von Kindern und Jugendlichen.

Markus Schmid, Präsident der Kirchenpflege, blickte auf rund 300 gemeinsame Sitzungen zurück und würdigte Linzmeiers kollegiale, freundschaftliche und pragmatische, zugleich aber zielorientierte Art. Für ihn gleiche Linzmeier dem Taufstein und einer Glocke der Kirche: fest mit Boden und Glauben verbunden und zugleich keine schrille, sondern eine ruhige und in der heutigen Informationsflut wegweisende Stimme.

Eine ganze Generation in Gipf-Oberfrick sei während dieser 24 Jahre mit Martin Linzmeier gross geworden, hiess es in einer weiteren Fürbitte. Er taufte Kinder, begleitete sie bei Erstkommunion und Firmung, ermutigte sie zum Ministrantendienst und wirkte bei Krippenspielen und mit dem Jugendchor mit.

Auch seine Begleitung von Menschen am Lebensende wurde hervorgehoben. Seine Beerdigungen seien persönlich und einfühlsam gewesen. Neben dem Raum für die Trauer habe Linzmeier den Hinterbliebenen immer wieder Mut zugesprochen, den Weg zurück in den Alltag und ins Leben zu finden.

„Gott hat dich gesandt“

Eine besondere Rolle spielte die Musik. Der Kirchenchor Gipf-Oberfrick, der Jugendchor Gipf-Oberfrick und die Friday Night Singers gestalteten den Gottesdienst und verliehen ihm einen festlichen und persönlichen Rahmen.

Für Martin Linzmeier wurde eigens ein Lied auf die Melodie von „I Will Follow Him“ umgeschrieben. „Gott hat dich gesandt“, lautete seine zentrale Botschaft. Darin wurde an Linzmeiers Anliegen erinnert, Kirche als offenes Haus zu verstehen, Trauernde zu trösten und für Menschen da zu sein. Gleichzeitig wurde aufgegriffen, was er anderen immer wieder zugetraut hatte: selbst Verantwortung zu übernehmen, sich etwas zuzutrauen und einander zu vertrauen.

Damit führte das Lied zugleich zum Neubeginn. Denn, so betonte Linzmeier, Jesus habe nicht einen Einzelnen, sondern seine Jünger ausgesandt. Kirche könne nicht das Werk einer einzelnen Person sein.

 

Abschied und Neubeginn

Noch im selben Gottesdienst übergab Martin Linzmeier deshalb seine Aufgabe an Ulrich Feger. Dieser hat vom Bistum die Missio erhalten, die Gemeindeleitung für Frick, Gipf-Oberfrick und Oeschgen sowie die Pastoralraumleitung zu übernehmen. Die entsprechenden Wahlen finden Ende November statt.

Bei seiner Einsetzung wurde Feger Gottes Geist zugesprochen: die Kraft, vorzuleben, was er verkündet, und die Gabe der Unterscheidung, um zu erkennen, was wichtig ist, wann gesprochen oder geschwiegen, widerstanden oder nachgegeben werden muss.

Gleichzeitig wurde Julia Weiss als neue Pfarreimitarbeiterin in das Seelsorgeteam aufgenommen und gesegnet. Gemeinsam mit Christina Kessler wird sie künftig zu den Ansprechpersonen in der Pfarrei Gipf-Oberfrick gehören. Ein schönes Zeichen für das Weitergeben von Verantwortung und Glauben setzte anschliessend der Jugendchor: Wunderkerzen wurden in den Kirchenbänken von Mensch zu Mensch weitergereicht und entzündet – das Licht sollte nicht bei einem Einzelnen bleiben.

Nach der Eucharistie folgten weitere persönliche Dankesworte. Ulrich Feger verglich Linzmeier mit dem Altar der Kirche – nicht zuletzt mit einem Augenzwinkern deshalb, weil dieser unverrückbar sei. Gerade diese Verlässlichkeit habe er bei Linzmeier immer wieder erfahren. Als Beispiel erzählte Feger von einem Patentag mit Firmanden in Engelberg, den Linzmeier kurzfristig übernahm, als Feger krankheitsbedingt ausfiel. Eine halbe Stunde vor der Abfahrt habe ein Anruf genügt.

Als bleibende Erinnerung erhielt Martin Linzmeier schliesslich ein Freundebuch, in das sich zahlreiche Menschen aus den Pfarreien mit persönlichen Worten und Erinnerungen eingetragen hatten. Sichtlich bewegt dankte er dafür – und für all jene Menschen, die selbst zu wichtigen Erinnerungen seiner 24 Jahre geworden sind.

Beim anschliessenden Apéro vor der Kirche blieb schliesslich Zeit für weitere persönliche Begegnungen und Dankesworte. So endete ein Gottesdienst, der nicht nur Abschied nahm, sondern zugleich deutlich machte, was Martin Linzmeier über viele Jahre wichtig gewesen war: Kirche entsteht dort, wo Menschen einander Türen öffnen, Verantwortung miteinander teilen und gemeinsam unterwegs bleiben.