Wonnemonat Mai?

In der Natur spriesst und gedeiht es. Aber nicht alle können sich in der Wonne sonnen. Der Marienmonat Mai lädt uns ein zu Erdung, Dankbarkeit und Mitgefühl.

Wie sehr erschrak ich, als auf meinem Rundgang plötzlich eine kleine palästinensische Frau vor mir stand. Mit unbeirrtem Blick schaute sie auf den gekreuzigten Christus im Chorraum der Kirche. «Wann wirst du endlich zurückkommen, mein Sohn?», schienen ihre Augen zu fragen. Ihrem Gesicht war anzusehen, was sie schon alles durchgemacht hatte. Der ruhige Ausdruck ihrer Sehnsucht zog mich magisch an. - Kein Zweifel: Diese Wachsfigur hat mich unendlich mehr in Bann gezogen, als so manche blattbegoldete Himmelskönigin.

Im sogenannten «Wonnemonat Mai» unserer Zeit erinnert mich diese Frau an die Menschen, die wir leicht übersehen und deren Lebensumstände sich lautlos verschlechtert haben. Aber sie ermutigt uns auch, den goldenen Faden unserers Glaubens nicht abreissen zu lassen.

Die Skulptur, die der Künstler Anders Widoff im Jahr 2005 schuf, steht in der reformierten Domkirche von Uppsala, Schweden, und heisst: «Maria (Die Rückkehr)».

Patrik Suter, Pfarreiseelsorger in Ausbildung, Oeschgen